Als ich im Juli 2026 nach Perugia kam, war mein erster Gedanke: so unglaublich schön ist diese mediterane historische Stadt!
Klar, Bilder hatte ich mir angeschaut, aber auf diesen überwältigenden ersten Eindruck war ich trotzdem nicht vorbereitet. Die vielen erhaltenen historischen Gebäude in den klassischen Sandfarben, die engen alten Gassen, Plätze, Bögen und Treppen, die einem wie eine Reise in die Vergangenheit vorkommen und immer wieder die weiten Blicke über die umbrische Landschaft… Perugia hat mich vom ersten Tag an begeistert.
Auch mit meiner Unterkunft hatte ich großes Glück. Meine Wohnung lag mitten im Centro Storico und bot einen wunderbaren Rundblick über Perugia. Gerade in den ersten Tagen trat ich immer wieder ans Fenster, schaute über die Dächer der alten Stadt und konnte kaum glauben, dass dieser außergewöhnliche Ort nun für mehrere Wochen mein Zuhause sein würde. Ein unbeschreibliches Gefühl.
Italienisch lernen an der Università per Stranieri
Mein Aufenthalt wurde durch ein Sprachstipendium im Rahmen der Städtepartnerschaft Potsdam/Perugia ermöglicht. Einen Monat lang besuchte ich einen Italienischkurs an der Università per Stranieri di Perugia.
Der erste Tag an der Universität war zunächst eine kleine Herausforderung. Alle neu angekommenen Studierenden waren mehr oder weniger gleichzeitig einbestellt worden, entsprechend voll und etwas chaotisch war es. Im Sekretariat wurde erwartet, dass man sich sofort auf Italienisch verständigt. Für jemanden, der noch nicht so versiert ist, durchaus anspruchsvoll, besonders unter Zeitdruck. Hinter mir warteten bereits die nächsten Neuankömmlinge.
Im Unterricht selbst war die Atmosphäre von Anfang an wunderbar. Mit Andrea Civile und Rachele Castellucci hatte ich zwei großartige Lehrkräfte, bei denen das Lernen großen Spaß machte. Es wurde gesprochen, ausprobiert, wiederholt und viel gelacht. Manchmal wurden wir in Gruppen in die Stadt geschickt, kleine Interviews durchzuführen.
Und gelernt haben wir trotz der teilweise enormen Hitze. Der umbrische Hochsommer machte seinem Namen alle Ehre; zeitweise wurden deshalb sogar die Unterrichtszeiten angepasst, denn in der Univerität gab es zu meiner Überraschung keine Klimaanlage, wie sonst fast überall üblich. Trotzdem bin ich sehr gern jeden Tag zur Universität gegangen, besonders in der Frühe…
Chor singen mit Alberto…
Als Kirchenmusikerin, Chorleiterin und ausgebildete Sängerin war für mich natürlich besonders spannend, wie in Perugia Musik gemacht wird. Eine meiner schönsten Entdeckungen war deshalb der Chor unter der Leitung von Alberto Bustos.
Eigentlich wollte ich einfach mitsingen. Doch Alberto bemerkte offenbar sehr schnell, dass meine Stimme ausgebildet ist, so teilte er mich neben drei Opernsängerinnen und Opernsängern, die bereits Soli hatten, ebenfalls fürs Solo singen ein. Das hat großen Spaß gemacht, auch wenn ich teilweise die italienischen Wörter durcheinander gewürfelt habe.
Der Chor war für mich ein ganz besonderes Erlebnis. Und wieder einmal zeigt sich darin auch besonders schön, wie unmittelbar Musik Menschen miteinander verbinden kann: Man kommt aus der ganzen Welt zusammen und versteht sich sofort durch die universelle Sprache der Musik, auch wenn nicht alle perfekt italienisch können.
Der Kontakt zu Alberto ist nach meiner Rückkehr nicht abgebrochen. Inzwischen sprechen wir darüber, seinen Chor nach Potsdam einzuladen und gemeinsame musikalische Projekte zu verwirklichen. So kann aus meinem persönlichen Sprachaufenthalt eine neue musikalische Verbindung zwischen unseren beiden Städten entstehen.
Die Menschen hinter der Städtepartnerschaft
Mir war während meines Aufenthaltes auch wichtig, nicht nur die italienische Sprache zu lernen, sondern auch die Menschen kennenzulernen, die die Partnerschaft zwischen Potsdam und Perugia seit vielen Jahren mit Leben füllen.
Bernd Malzanini von der Potsdamer Seite hatte mir dafür wertvolle Kontakte vermittelt. So lernte ich unter anderem Daniela Borghesi kennen, die die Städtepartnerschaft auf Peruginer Seite über viele Jahre begleitet hat. Aus unserer Begegnung entwickelte sich ein ausgesprochen herzlicher Kontakt, der bis heute geblieben ist.
Auch Lauretta Vagnetti lernte ich in Perugia persönlich kennen. Angesichts der großen sommerlichen Hitze schenkte sie mir einen Fächer, ein kleines, sehr italienisches Geschenk, das während meines Aufenthaltes tatsächlich noch oft zum Einsatz kam und mich heute an diese Begegnung erinnert.
Ebenso lernte ich Federico Lilacci in diesem Zusammenhang kennen. Aus der ersten Begegnung ist inzwischen etwas ganz Praktisches entstanden: Federico und ich haben ein deutsch-italienisches Sprachtandem begonnen. So geht mein Sprachaufenthalt gewissermaßen auch nach meiner Rückkehr nach Potsdam weiter.
Diese Begegnungen haben mir sehr deutlich gezeigt, dass eine Städtepartnerschaft nicht nur aus offiziellen Terminen, Delegationen und Dokumenten besteht. Hinter ihr stehen Menschen, die sich kennenlernen, miteinander ins Gespräch kommen und Verbindungen schaffen, die über einen einzelnen Besuch hinausreichen.
Musik als weitere Brücke zwischen Perugia und Potsdam
Eine weitere besonders schöne Begegnung war für mich die mit Marta Alunni Pini, der Dirigentin des Chores der Università degli Studi di Perugia.
Auch mit ihr sprach ich über mögliche musikalische Verbindungen zwischen Perugia und Potsdam. Die Idee einer Zusammenarbeit mit dem großen Universitätschor gab es bereits. Bei einem Ensemble von rund 50 Sängerinnen und Sängern sind Reise und Unterbringung allerdings eine erhebliche organisatorische und finanzielle Herausforderung, sodass sich dieses Vorhaben bislang nicht verwirklichen ließ.
Aber manchmal entstehen aus einer großen Idee andere, vielleicht leichter realisierbare Möglichkeiten. Über Marta ergab sich beispielsweise auch eine Verbindung zu ihrer Schwester Cora, einer Sängerin, die in Berlin lebt. Vielleicht entwickelt sich daraus künftig eine musikalische Zusammenarbeit.
So sind während meines vierwöchigen Sprachaufenthaltes gleich mehrere musikalische Fäden zwischen Perugia und Potsdam entstanden und heute ist noch gar nicht abzusehen, was daraus vielleicht einmal wachsen wird…😊
Perugia wurde für mich ein Stück Zuhause
Natürlich bestand mein Aufenthalt nicht nur aus Unterricht, Musik und Verabredungen. Nach und nach wurde aus der zunächst fremden Stadt ein Ort, in dem ich mich immer selbstverständlicher bewegte.
Ich genoss das Leben im historischen Zentrum, den Corso Vannucci, die kleinen Gassen und Cafés und die besondere Atmosphäre am Abend, wenn die größte Hitze langsam nachließ. Auch Ausflüge in die Umgebung gehörten dazu, unter anderem an den Lago Trasimeno oder mit dem Auto ans Meer nach Pescara.
Dabei merkte ich, dass ein Sprachaufenthalt etwas ganz anderes ist als eine Urlaubsreise. Man entwickelt einen Alltag. Man geht morgens zur Uni, kauft ein, begegnet denselben Menschen wieder und versucht immer öfter, kleine Gespräche auf Italienisch zu führen.
Und irgendwann fühlt sich der Weg durch die alten Gassen nicht mehr wie Sightseeing an, sondern ein bisschen wie der eigene Weg nach Hause.
Was Städtepartnerschaft für mich bedeutet
Für mich war diese Zeit sehr viel mehr als ein Sprachkurs. In Perugia habe ich erlebt, was daraus entstehen kann, wenn Menschen tatsächlich in die Partnerstadt reisen, dort für eine Zeit leben, lernen und anderen Menschen begegnen.
Ich kam mit wenigen Italienischkenntnissen nach Perugia. Einen Monat später nahm ich sehr viel mehr mit nach Potsdam als neue Vokabeln: Erinnerungen an die wunderschöne Stadt, heiße Sommertage und italienisches Lebensgefühl, an Andrea und Rachele, Daniela, Lauretta und Federico, Marta und Alberto und an viele Begegnungen, aus denen neue Verbindungen entstanden sind.
Der Fächer von Lauretta liegt heute bei mir in Potsdam. Mein Sprachtandem mit Federico geht weiter. Mit Alberto entstehen Ideen für gemeinsame musikalische Projekte. Die Verbindungen nach Perugia bestehen fort.
Für mich ist genau das gelebte Städtepartnerschaft.
Und vielleicht war mein Aufenthalt in Perugia deshalb weniger ein abgeschlossener Besuch als vielmehr der Anfang von etwas Neuem.
Christina Schütz, Potsdam
Stipendiatin der Städtepartnerschaft Potsdam/Perugia, Juli 2026






















