Wie ich einen Monat lang mit dem Stipendium des Freundeskreises in Perugia Italienisch lernte
Text und Fotos von Simone Schmollack
Nichts, ich kann nichts, ich habe alles vergessen, was wir bisher gelernt haben. Dachte ich am Sonntag nach meiner ersten Woche des Stipendiums in Perugia, an der Università per Stranieri, das ich vom Freundeskreis Potsdam-Perugia erhalten hatte. Dabei war es gar nicht viel, was wir nach fünf Tagen können sollten, ein paar Sätze nur, so was wie: Come stai? Come ti chiami? Di dove sei? Quanti anni hai? Dafür viel Grammatik: weibliche und männliche Substantive, die dazugehörigen Artikel, inklusive jeder Menge Ausnahmen. Und natürlich die beiden wichtigsten italienischen Verben – so wurde uns das eingebläut – samt ihrer Konjugation: essere und avere.
Ich war im November 2025 zum Anfängerkurs A1.1 an der Stranieri angemeldet, ich hatte keinen blassen Schimmer von der Sprache – außer dass ich sie sehr schön finde und mit einem einzigen Satz, der mir schon länger wie Wein von den Lippen floss, jede italienische Kellnerin (und auch jeden italienischen Kellner) zum Schmunzeln bringen kann: Mezzo litro di vino rosso della casa, per favore!
Wenn das so weitergeht, dachte ich also, kehre ich nach Hause zurück und kann auf die Frage, was ich in einem Monat Italienisch-Studium so gelernt habe, nur mit den Achseln zucken. Nun, was soll ich sagen? Es kam anders – certo. Schon an dem Montag, von dem ich fürchtete, mich bitter zu blamieren, ging es rasant los, am Ende des Monats zählte ich 55 Verben, mit denen wir täglich jonglierten: leggere, mangiare, suonare, vedere, camminare, fare, dare, sapere, preferire … Gefühlt die Hälfte der Verben ist irregulär – die müsst ihr auswendig lernen, sagte Rachele, unsere insegnante, nahezu täglich.
Und ich lernte. Und lernte. Und lernte. Nach der Uni – täglich von 9 bis 12 Uhr – auf der Straße, im Restaurant, in der Bar. Ich fotografierte Sätze, die ich irgendwo las, und gab sie später bei DeepL ein, um sie zu verstehen. Ich versuchte mir jene Wörter dieser Sätze einzuprägen, von denen ich glaubte, sie könnten demnächst wichtig für mich sein. Ich lernte abends im Bett, ich machte mehr als nur die Hausaufgaben, die wir in der Schule bekamen. Ich meldete mich zusätzlich bei Duolingo an und schrieb sämtliche Nachrichten nach Hause nur noch ausschließlich in Italienisch – zum Leidwesen mancher Adressat:innen. Ich reservierte Plätze in Restaurants, obwohl das gar nicht nötig war – nur um zu sprechen (und um zu prüfen, ob mich die Italiener:innen überhaupt verstehen). Ich bestellte jeden Tag nach dem Unterricht in der Bar Sandri – dem schönsten Café in der Stadt – meine cioccolata calda. Una tazza cioccolata calda al giorno – und man ist glücklich.
Apropos glücklich: Dieser November in Perugia, an der Universität, mit der Sprache, dem Kurs, den Lehrkräften ist einer der schönsten in meiner jüngeren Vergangenheit. Die Stadt ist meraviglioso, die Menschen sind felice e cortese, die Lehrkräfte contente e paziente. Pazienza, pazienza, sagte auch stets Rachele, sobald sie merkte, dass manche im Kurs ungeduldig wurden, weil es ihnen nicht schnell genug vorwärts ging, und andere nervös schauten, weil sie nicht verstanden, was zu tun war.
Der Kurs war groß und international, es waren Menschen aus Burkina Faso, Simbabwe und Togo dabei, aus Libyen und der Ukraine, aus den USA, Australien, Brasilien und Polen, aus Indien, China und Japan … Manche wollten in Italien leben, andere dort studieren, drei junge Männer und eine junge Frau aus Afrika hatten kurz zuvor eine Stelle als Pfarrer:innen in Assisi angetreten und mussten nun rasch die Sprache lernen. Durch sie lernte ich, dass selbst die katholische Kirche in Italien Nachwuchsprobleme hat.
Die Wohnung, in der ich vier Wochen lang leben durfte und die mir Carsten Schöning und Bernd Malzanini vermittelt hatten, liegt fußläufig zur Uni und mitten im centro storico – mit Blick auf die alten Ziegeldächer der Stadt, die Berge in der Ferne, auf den Orangenbaum unten im Garten. Sie ist groß mit zwei Schlafzimmern und zwei Bädern, mit Küche, Wohnzimmer und Mülltrennung. Carla, die Vermieterin, ist so zuvorkommend wie alle Perugine und Perugini, mit denen ich zu tun hatte.
Wenn mich gerade jemand fragt, was ich mir wünsche, sage ich stets nur einen Satz: Vorrei tornare a Perugia e imparare solo l’italiano!

