Die Stadt Perugia vergibt in jedem Jahr ein einmonatiges Stipendium für einen Italienischkurs an der Ausländeruniversität an jeweils eine Bürgerin oder einen Bürger ihrer Partnerstädte. Schon mehrfach konnten Mitglieder unseres Vereins von diesem schönen Angebot Gebrauch machen, so studierte 2016 Karl-Heinz Konrad für einen Monat an der Ausländeruniversität. Im Jahr 2017 nun war unser Mitglied Dr. Dierk Moyzes in Perugia und hat einen fesselnden Bericht über seinen Aufenthalt geschrieben.

Blick über Perugia
Blick über Perugia
Perugia – geschichtsträchtig und jung

Perugia ist spürbar geschichtsträchtig und traditionell, andererseits aber jung, dynamisch, international und modern. Man findet an jeder Ecke Spuren einer langen Geschichte von den Etruskern und Römern bis hin zum Kirchenstaat. Die Atmosphäre in den alten Gassen, steilen Straßen und öffentlichen Plätzen im hügeligen Stadtgebiet wird aber von den vielen tausend Studenten geprägt, die alles mit Leben erfüllen. Perugia liegt malerisch auf Hügeln in der umbrischen Landschaft, in welche man von vielen Aussichtspunkten in der Stadt weit blicken kann.

Internationales Flair im altehrwürdigen Palazzo Gallenga

Mitten im Zentrum von Perugia liegt das Sprach- und Kulturinstitut in einem alten Barock-Palast. Im Italienischen wird es als „Università per Stranieri“ bezeichnet, was wörtlich „Ausländeruniversität“ bedeutet. Die übrigen Universitätsgebäude liegen fußläufig verstreut in der Stadt.

Ausländeruniversität Perugia im Palazzo Gallenga
Ausländeruniversität Perugia im Palazzo Gallenga

Mich beeindruckte der „Palazzo Gallenga“ als Gebäude und Lernort sofort. Mein erster Gedanke war, dass er eher wie ein alter Regierungspalast oder ein Museum wirkt. Durch ein großes Eingangsportal geht es in eine hohe Eingangshalle, dann über breite, steinerne Treppen in den ersten Stock, in kunstvoll gestaltete Gänge mit Wandmalereien auf Holzvertäfelungen und Kronleuchtern. Die alten Hörsäle mit dem aufsteigenden Gestühl und dem gegenüber liegenden erhöhten Lehrerpult geben das Gefühl einer alten Tradition von Gelehrsamkeit.

 

 

 

 

Innenraum im Palazzo Gallenga
Innenraum im Palazzo Gallenga

In der Aula magna versammelten sich alle Studierenden zum Eingangstest. Hier war eine sehr gemischte Gruppe zusammengekommen. Unter den ungefähr 300 Studenten waren circa acht von zehn Studenten in ihren Zwanzigern. Die übrigen zwanzig Prozent in allen anderen Altersgruppen bis ins Seniorenalter. Die Sprachstudenten kamen aus der ganzen Welt, u.a. hatte ich Begegnungen mit Menschen aus England, Frankreich, Iran, Syrien, Ägypten, Argentinien, Brasilien, USA, Australien, Polen, Indonesien, Korea, Japan und China. Der Unterricht fand täglich am Vormittag statt – danach ging es oft gemeinsam zum Essen in die Mensa. Tatsächlich bekamen wir dafür einen Studentenausweis und eine Mensa-Karte!

 

Leben bei italienischen Gastgebern

Ich lebte einen Monat in einer alten Landhausvilla bei kalabresischen Musikern, die mich sehr offenherzig in ihr Haus und in ihre Familie aufnahmen. Bereits der Abend meiner Ankunft war typisch und wegweisend für den gesamten Aufenthalt und sehr aufregend: als ich eintraf, begrüßten mich meine Gastgeber Gigi und Roberta (und der Hund Lucy) offen und neugierig. Dann waren noch zusätzlich weitere Familienangehörige und Freunde anwesend. Als erstes bekam ich ein Glas Wein in die Hand gedrückt und dann ging schon die Fragerei los…wer ich sei und warum ich nach Perugia gekommen war und warum ich ausgerechnet italienisch lernen wollte? Das alles in einem wilden Gemisch aus englisch und italienisch. Ich antwortete, dass ich aus Freude und Interesse hier sei. Ich sah in erfreute aber auch ein wenig verwunderte Gesichter.

Von Woche zu Woche wurde der Aufenthalt lebendiger und sozialer: Am Anfang war ich noch mit dem Einleben beschäftigt. Ich war nach der Uni gerne zuhause und studierte die Sprache sehr intensiv. Dank meiner Kenntnisse anderer Sprachen kam ich schnell voran. Parallel lernte ich Gigi, Roberta und ihre Freunde besser kennen. Es wurde häufig gekocht und es gab abends mehrfach größere Runden am großen Tisch im großen Esszimmer.

 

Italienisch lernen in Italien geht (fast) von selbst

An einem Abend war ich mit einer Gruppe anderer Sprachstudenten aus der Oberstufe verabredet. Es entspann sich eine lebhafte Unterhaltung über vielerlei Dinge. Gutes Essen und Wein wurden serviert, das Restaurant wurde voll, das Stimmengewirr erfüllte den Raum; dann begann eine Jazzband zu spielen, beim Blick aus dem Fenster sah ich viele Menschen durch die mit warmem Licht erfüllten Gassen Perugias durch die laue Nacht gehen. Plötzlich wurde mir bewusst, dass das Gespräch seit Stunden ausschließlich auf italienisch lief. Irgendwie fühlte sich die Situation unwirklich an: war dies Realität oder doch ein Traum? Wie konnte es sein, dass wir hier auf italienisch munter parlierten, während ich noch vor kurzem zuhause einen großen Abstand zur Sprache empfunden hatte? Mir wurde dadurch bewusst: es fiel mir leicht in einem italienischen Umfeld in die Sprache hineinzukommen. Mein Lernprozess fand völlig automatisch statt durch Hören, Sehen, Beobachten, Erfahren und Verstehen. Diese Erfahrung war in dieser bewussten Form neu für mich und widersprach grundlegend meiner vorherigen (Vor-)Annahme, dass es im mittleren Lebensalter sehr schwierig sei, eine Fremdsprache zu erlernen. Ich erkannte: die konkreten, sinnhaften und sozialen Erfahrungen sind wichtiger als das Systematisieren im Sprachunterricht.

 

Blick aus dem Fenster
Blick aus dem Fenster
Eine Erfahrung fürs Leben über das Studium hinaus

Insgesamt war das Italienischstudium in Perugia eine der intensivsten und schönsten Erfahrungen meines Lebens. So intensiv und ganzheitlich habe ich als zuletzt im Studium gelernt – jeder einzelne Moment war interessant und wurde von mir mit allen Sinnen aufgesogen. Ich bin so angetan, dass ich sicher den Kontakt mit Perugia und meinen neuen Freunden halten werde. Der nächste Kurzurlaub dort ist bereits geplant…

Auch feile ich weiter an meinem Italienisch – gerade in Potsdam und Berlin fällt mir nach den Wochen in Perugia natürlich besonders auf, wie viele italienische kulturelle Bezüge und Einflüsse vorhanden sind. Hier leben wirklich viele Italiener, es gibt viele tolle Möglichkeiten zur Kommunikation, gute Restaurants und Bars. Nicht zu sprechen von den vielen kulturellen Querbezügen allerorten: Musik, Festivals, Kino und natürlich Architektur.

Ich bin unserem Verein dankbar, dass ich 2017 als Sprachstudent ausgewählt worden bin! Die Zukunft wird zeigen, welche neuen Wege sich für uns alle weiter auftun.

 

Text und Fotos: Dr. Dierk Moyzes M.A.

Ein Monat Sprachstudent in Perugia
%d Bloggern gefällt das: